Wer Empathie geben möchte, kann sich an folgenden kurzen Hinweis halten: Keinen Senf dazu geben! Was damit gemeint ist?

Diese Redewendung ist über 300 Jahre alt. Wenn bei einer Mahlzeit Senf dabei war, dann dachten die Gäste, es sei ein besonderes Essen. So servierten sämtliche Wirte damals Senf, auch wenn dieser absolut nicht zum Gericht passte. Dies war damals genauso unangenehm wie ein unerwünschter Ratschlag heute noch ist. Beim Empathie geben gibt es drei goldene Senftöpfe, von denen wir uns nach Möglichkeit fernhalten sollten, wenn uns  das Wohl der anderen Person wirklich am Herzen liegt.

Keine eigenen Geschichten!

Wenn dir jemand etwas erzählen möchte, dann erzähl bitte nicht von dir. Das zieht nämlich die Aufmerksamkeit von der anderen Person ab und zu dir. Du hast das sicher auch schon am eigenen Leib erlebt: Man sitzt zusammen und möchte gerade berichten, wie schmerzhaft irgendein Erlebnis war, um ein wenig gehört zu werden und um Empathie zu bekommen. Doch das Gegenüber hat nichts besseres zu tun als zusagen, „Ja, genau, das kenn ich, genau das ist mir auch schon passiert. Und noch viel schlimmer. Hör zu: Letzte Woche …“ Frustrierend dabei ist, dass die andere Person oft gar nicht merkt, was sie tut und wie dadurch der Schmerz noch größer wird.

Keine Tipps und Ratschläge!

Wenn dir jemand etwas erzählen möchte, dann halte dich bitte mit Tipps und Ratschlägen zurück. Denn Rat“schläge“ sind auch Schläge, sagt der Volksmund. Statt Raum zum Nachdenken und Nachspüren zu bekommen, bekommt man ungefragt einen Ratschlag, der vielleicht weder passend noch durchführbar ist. Das kann wirklich unangenehm sein. Die Person, die meistens am besten über alle Details Bescheid weiß und abwägen kann, was für sie am besten ist, ist in den meisten Fällen die Person selbst. Sie braucht oft nur einen Raum und vielleicht eine Ermutigung, das Ganze in Ruhe durchzudenken. Also bitte: Keinen Senf dazu geben!

Angeblich hilft es, bis zu einer Million zu zählen, bevor du etwas sagst wie „Ich an deiner Stelle würde …“ oder „Mach doch einfach …“. Es zeigt jedenfalls, wie wichtig es ist, mit Ratschlägen zu warten, bis die andere Person dafür bereit ist. Und wann ist sie dafür bereit? Du kannst sicher sein, wie wird danach fragen, wenn es soweit ist. Wenn du nicht solange warten möchtest, dann wäre eine Möglichkeit selber nachzufragen, ob dein Ratschlag willkommen ist: „Ich hätte da eine Idee, möchtest du sie hören?“

Keine Bewertungen!

Wenn dir jemand etwas erzählen möchte, dann bewerte das Gehörte bitte nicht. Mit Bewertungen meine ich Urteile, Vergleiche, Analysen und Diagnosen, Etiketten und Schubladen, Beleidigungen und Schuldzuweisungen. All dies wirkt abstempelnd und trennend. Nicht zu bewerten ist einfacher gesagt als getan. Nicht zu bewerten ist nach Krishnamurti „die höchste Form menschlicher Intelligenz“. Manchmal genügt es schon, die eigenen Bewertungen zu bemerken und dazu zu sagen, warum uns das so wichtig ist. Wie schnell schlüpft ein „Na, das geschieht dir recht!“ oder etwas Ähnliches über die Lippen. Mein Idee wäre stattdessen so etwas zu sagen: „Wenn du mit 60 km/h in der 30-iger Zone fährst, bekomm ich wirklich Angst“.

Zum Abschluss

Beim Empathie geben ist noch etwas wichtig. Nicht nur: Keinen Senf dazu geben! Wenn ich das beherzige, fällt es mir vielleicht weniger schwer beim Empathiegeben meinen „Senf“ zurückzuhalten. Wenn ich versuche, eine Person zu verstehen, heißt das nicht, dass ich mit dem von ihr gewählten Verhalten einverstanden bin. Zuhören heißt nicht gutheißen! Es heißt nur, dass ich der Person den Raum und die Möglichkeit gebe, sich mit ihren Gefühlen und Bedürfnissen zu verbinden.

zum Blogbeitrag “Feuermelder Amygdala”